10.04.2010 - Sturz im Fuchsloch

So schnell kanns gehen da lagen wir am Boden, Jackomo und ich. Mann Leute, das war vielleicht aufreibend! - aber nun von vorne...
... die Turniersaison startet so langsam und Jackomo soll nach dem Ausfall von 2009 wieder mitmischen. Um ihn konditionell eine Woche vor Gravenbruch noch ein bischen zu trainieren ist ein Ausritt geplant. Um mit Tebchen noch ein paar fremde Sprünge mit zu nehmen, ist als Ziel das so genannte Fuchsloch, ein Ausreitgebiet im Wald bei Zellhausen geplant.
Wir stellen unser Anhängergespann auf einen großen Parkplatz in den Schatten und trensten die Pferde. Jackomo heute mit Hackemore - ich möchte entspannen und er soll ruhig zwischendrin ein Ästchen knabbern.
Da Ria sich am Vormittag bereits gründlich ausgetobt hat (Stammtisch bei Verena) ist sie nur mäßig interessiert mit zu gehen. Balou der Graubart schafft es ohnehin nicht mehr und so lassen wir beide Hunde im Auto zurück. Plaudernd reiten wir im Schritt zu den Sprüngen um zu sehen was bereitbar ist und was evtl. zugewachsen oder vom Sturm beschädigt wurde...
...ziemlich viel wie sich heraus stellt. Manche Hindernisse sind komplett umgefallen, von riesigen Baumkronen begraben oder zugewchsen. Schade, aber einige kann man doch bereiten.

Wir traben zurück zum ersten Sprung und Corinna startet mit Teba. Ich bin immernoch auf Sonntagsreiten eingestellt und Jackomo zum Glück auch sehr artig - so reiten wir in größerem Abstand hinterher.
Ist es nicht ein schöner Sport, der Reitsport? :-) Ich klopfe mein Pferd und nachdem der Abstand zu Teba nun wirklich größer ist lasse ich ihn mal sausen und wir fliegen nur so über den Sand.
Teba springt schön vorneweg und wir hinterher.

Dann nähern wir uns dem Unfallort - 2 Aufsprünge in leicht gebogener Linie hintereinander. Nach dem ersten Aufsprung wird der Abstand zu Teba geringer, den 2. nimmt sie rechts und ich reite die linke Mitte an - da seh ich IHN. Ein Birkenast, Armdick etwa. Er ragt in schätzungsweise 80cm höhe genau in meine Landestelle hinein. Shit!
Jackomo ist bereits abgesprungen ich kann nichts mehr tun - nur hoffen. Ich warte auf ein Knack-Geräusch und ein Stolpern, welches mir verrät das der Ast bricht. Doch es folgt ein scheren Stöhnen, ein lautes krachen und Jackomo verliert das Gleichgewicht. 660 kg landen aus dem Flug auf der Schulter und katapultieren mich aus dem Sattel, ich sause gute 3 meter weiter und lande unsanft auf dem Reitweg. Im Augenwinke beobachte ich mein Pferd, wie es sich mit dem Hals abfängt, den Kopf nach oben reckt, wie es auf der Seite landet, ein Stück im Sand rutscht und dann hoch Springt und über einen Busch in Richtung Teba flieht. Sein Ausdruck geschockt!

Ich liege da im Sand. Checkliste: Was tut mir Weh, kann ich alles bewegen?
Ein stechender Schmerz an der Schulter verrät die Stelle auf die ich gefallen bin. Dank Helm ist mein Kopf unversehrt. Jetzt stellt sich mir die Frage wieso ich Vollidiot eigentlich meine Schutzweste nicht getragen habe? Die trage ich doch sonst immer wenn ich ausreiten gehe, vor allem wenn ich in der Absicht ausreite, über Hindernisse zu springen! Blödes Sonntagsfeeling!!!
Aber viel Zeit um darüber nach zu denken habe ich nicht. Corinna ist abgesprungen um Jackomo ein zu fangen - dieser rennt allerdings nicht weg. Er steht auf 3 Beinen, zittert und streckt das eine Bein gerade nach vorn weg. Ohgottogott. Sie ruft mir zu ob alles in Ornung sei. Ich lüge und sage: jaja, kann nur grad noch nicht aufstehen. In wirklichkeit bin ich mir sicher, an meinem Schlüsselbein ist garnix in Ordnung. Ich versuche eine Bewegung WUMM! Der Schmerz fährt durch Mark und Bein, mir wird es schwarz vor Augen. Ruuuhig atmen. Ich muss irgendwo die Füße hoch legen sonst kipp ich weg. Vorsichtig krieche ich den Absprung herunter. Hier lege ich mich in den Sand. hier gehts bergab, ich kann mich mit Kopf nach unten entlang des Reitweges legen. Ich muss meine Stiefel auf machen mann sind die eng!!! Von dieser Position aus kann ich Corinna und die Pferde beobachten. Jackomo steht eindeutig unter Schock. Er zittert nicht mehr so, aber sein Beinchen streckt er immernoch weg. Corinna ist auch völlig neben der rolle. Ich höre sie über Jackomos verletzung jammern und hoffe das es mit ihm nichts ernstes ist. Allerdings kommen in meinem Gehirn eher Gedanken von gebrochenen Pferdebeinen zum Vorschein. Scheiße mir wird schlecht. Ich kämpfe erneut damit nicht Ohnmächtig zu werden. Ich habe durst.
Wir müssen nun klare Gedanken fassen. "Corinna, ich möchte einen Krankenwagen, ich glaube ich habe mir das Schlüsselbein gebrochen!" Okay. Corinna denkt nach - wie bekommen wir Jackomo hier weg ohne das er laufen muss? Sie ruft Heike an. Lotst Heike zu unserem Gespann auf dem Parkplatz. "Bring ihn bitte direkt in die Klinik, egal was es ist." sag ich. So langsam fühle ich mich vom Kreislauf her stabiler und setze mich vorsichtig auf. Der Krankenwagen ist auch alarmiert. Die Gemüter beruhigen sich etwas, vor allem auch Jackomo atmet wieder ruhig und der Blick entspannt sich.

Ich begutachte sein Bein und auf der Innenseite hat sich eine Tennisball große Schwellung gebildet. Ich sende ein Stoßgebet das es alles wieder gut wird und bin gleichzeitig dankbar das wir keine offenen blutenden Verletzungen versorgen müssen.

Ich habe unendlichen Durst und mein Schlüsselbein sendet in Regelmässigen Abständen Erinnerungen das ich auch ja nicht vergesse das es futsch ist.

Corinna macht sich Vorwürfe das wir nicht über diesen Ast gesprochen haben, denn sie hatte ihn beim Schrittrunde-Reiten gesehen. Ich hab es einfach nicht gesehen und bin ausgerechnet mitten rein geritten. Ich mache mir Vorwürfe wegen Jackomo. Der Ärmste :-(

Nach und nach geht es ihm und mir besser. Was ein Glück ist der Hund nicht dabei, der würde jetzt ach noch zwischendrin rum hüpfen. Ich rapple mich auf und stapfe richtung Straße - um den kommenden Krankenwagen ab zu fangen. Erstmal kommt die Polizei. Mir wird ganz übel als ich sehe wie huckelig der Weg zu uns ist. Die Vorstellung gleich in einem wackeligen Auto zu sitzen ist sehr schmerzhaft...
die Polizisten begrüßen mich wie einen alten Kumpel und fragen ob ich die verletzte sei. - ja das bin ich. - ich würde garnicht so aussehen. Scheinbar empfinden sie Laufen mit 0,2 kmh und dabei verkrampft den Arm festhalten als völlig normal. Na mir solls recht sein.
Auf dem Weg zur Unfallstelle (den die Polizisten in einer Sprintartigen Gangart zurücklegen möchten, ich muss sie mehrfach daran erinnern das sich normales gehen für mich momentan nicht gut anfühlt) finden die 2 Herren allerlei Gründe wieso ein Pferd hier ja auch "logischerweise" scheuen müsse: ein umgefallener Baum, Bahnschienen in der Nähe, ein Hügel... lauter ganz gefährliche Sachen...)
Nach mehreren Anläufen schaffe ich es den uniformierten Männern zu erklären das - auch für Pferde - Bäume im Wald als normal angesehen werden und das mein Pferd nicht gescheut hat, sondern ebenfalls gestürzt sei. Die Männer waren verblüfft das soetwas geht.
Nachdem ich den weiten weg (etwa 30 meter) zurück zu Corinna und den Pferd geschlichen bin kam auch gleich der Krankenwagen. Jackomo stand inzwischen relaxed auf allen 4 Füßen und knabberte Äste.
Ich liess Corinna mit den Helden des Alltags allein und schlich die 30 meter zurück um in den Krankenwagen ein zu steigen. Ohjeohje ich hoffe es schaukelt nicht so sehr.
Ich musste auch auf ein Erfrischungsgetränk verzichten welches ich so nah vor Augen hatte - ich dachte das gehört in einen RTW. Falsch gedacht. Infusion oder durstig bleiben. Ich schaukelte einigermassen sanft in dem gefederten Bett den Waldweg entlang und freundete mich mit den Herren so gut an wie möglich - immerhin drückten die mir auf dem Schlüsselbein rum und gaben mir piekser in den Finger - und KEIN Getränk...

Im Krankenhaus ging alles recht schnell. (Allerdings nicht schmerzlos) auf den Röntgenbildern war unübersehbar das geteilte Schlüsselbein zu erkennen. Aber zum Glück sonst nix kaputt. Es tellte sich aber 1 Woche später heraus, das ich operiert werden muss. Die Knochen befanden sich nicht wieder in eine Lage die ein problemloses zusammenwachsen hervorbringen würde.
Nach der OP ging es mi viel besser, ich konnte mich wieder bewegen und die schmerzen waren stark zurück gegangen. Die Narbe sieht sicherlich nicht so chic aus, aber damit kann ich ganz gut leben.

Jackomo blieb gleich ein paar Tage in der Klinik. Er hatte sich im Bein eine Aterie verletzt, zum Glück aber die Haut nicht. Zur Sicherheit machte der Tierarzt noch ein Ultraschallbild von den Sehnen die zum Glück unversehrt waren. Nach ein paar Tagen war die Lahmheit verschwunden und ein Knochenriss konnte ausgeschlossen werden. Die Osteopatin schaute sich auch das Pferd an, denn nach so einem Sturz kann ja alles schief sitzen. Aber alles halb so wild. Jackomo wurde noch ein paar Tage geschont da die Schwellung sich nicht so schnell verabschiedete wie erhofft, hatte aber keine Schmerzen mehr.

Ich habe aus dem Unfall gelernt: meine neue Anschaffung waren Schulterpolster, meine Schutzweste trage ich nun noch häufiger und den Helm möchte ich mir angewöhnen IMMER zu tragen. Auch wenns "nur Dressur" ist. Ausserdem werde ich nicht mehr alleine ausreiten und meinen Mitreiter stets dazu verpflichten einen Helm zu tragen.

Wenn ich mir vorstelle ich wäre ohnmächtig gewesen (ich war ja kurz davor) hätte Corinna das management der verletzen vermutlich nicht zu gut hin bekommen.
Deswegen ist es ab Sofort für mich von hoher wichtigkeit das mein Mitreiter seinen Kopf auch schützt - ICH bin im Falle eines Sturzes ja verantwortlich. Für Pferd und Reiter. Darüber war ich mir bisher nie so im klaren. Bislang war es ja immer "meine Sache" ob ich einen Helm trage oder nicht. Aber nach dieser Erfahrung muss ich sagen, der Mitreiter hat da auch was mit zu reden.

Und an dieser Stelle noch einmal: Danke Corinna, hast Du super gemacht, und danke das Du Dich um Pferd & Hund gekümmert hast! Danke Heike fürs abholen!
Eure Momo