08.06.2008 - Vielseitigkeitsturnier in Wiesbaden-Kloppenheim

Vielseitigkeitsturnier in Wiesbaden-Kloppenheim

Wie im Norden!

Sonntag, 6:00 in Obertshausen. Aufstehen ist angesagt - Ria findet das ziemlich blöde. Frauchen auch. Aber ich habe es mir so ausgesucht, deswegen rein in die weiße Reithose, Satteldecke eingepackt und Corinna abholen. Gemeinsam um 20 vor 7 im Stall. Wir waren nicht die einzigen. Die erste Turniergruppe ist schon um 6 vom Hof gefahren, rechts von uns noch ein Hänger und links von uns die Familie Bock, sie haben heute das gleiche Ziel wie wir. Wiesbaden Kloppenheim. Ausgeschrieben ist eine VA bei diesem One-Day-Event. Ein guter Test, was Jackomo in einer A sagt wenn er das Gelände nicht kennt. Keiner von uns war zuvor in Wiesbaden. Was sich als Fehler erweisen sollte...

Der Weg ist das Ziel...oder wie ging das? Mit Navi geht das. Corinna als Beifahrer diktiert die Adresse. Wir fahren und fahren und fahren. Komisch. Kein Schild, kein weiterer Hänger... irgendwas stimmt hier nicht. Kloppenheim scheint es auch nicht zu geben. Ich wollte wenden, gucken ob wir auch nichts übersehen haben. (Navi gab an: Zielstraße erreicht) - aber das war ja fast ne Bundesstraße!

Nach mehrfachen betrachten des Zettels viel plötzlich auf: OH! Da steht ja noch eine Adresse über der Adresse! - Ja. Und davor steht "Dressurplatz". Schnell waren wir uns einig, es mit der anderen Adresse zu versuchen.

Navi lotste uns in einen Ort und mitten hindurch. Immer noch: Nirgendwo "Kloppenheim" nirgendwo ein Hänger, ein Schild "Turnier"

Aber zu unserem Glück gab es Sonntags um 8 in dem 100-seelen-dorf schon einen Fußgänger, der sofort nach dem Weg befragt wurde.

"Der nächste Ort ist Kloppenheim!" Das war Musik in meinen Ohren! Also weiter, Navi ist eben doch nicht purer Unsinn. Schnell begegnete uns jetzt auch ein Turnierschild und ein Hänger-Gespann. Wir sind quasi "von hinten" gekommen, weshalb wir da ziemlich einsam waren. Aber Zielsicher führte der Kasten uns jetzt weiter bis zum Reitplatz!

Jetzt erstmal nen Kaffee! Wo ist hier die Meldestelle? Wo sind die Toiletten?

Alles nicht so einfach. Um 9 Uhr sollte die Dressur beginnen. Es gab kein Brötchen, Kaffe aber keine Becher. Keine Meldestelle sondern lediglich eine Starterliste. Mit einzelnen Startzeiten. Wie bei den Champions hier. - Nur leider ohne Kaffeebecher. Eine symphatische Zuschauerin (vermutlich verwandte) wusste das. Sie hatte ihren eigenen Kaffe und ihre eigenen Brötchen dabei. Pünktlich zu beginn der Prüfung fingen einige Helfer in Seelenruhe an Brötchen zu schmieren und die Becher waren dann auch irgendwann da. Für einen stolzen Preis ergatterte Corinna auch sogleich einen Kaffee, Zucker und ein halbes Brötchen. Das hab ich gegessen, während sie versuchte Kaffee, Wechselgeld und Zucker zu koordinieren. Einen Tisch gab es hier nämlich auch nicht. Und auch keine Löffel zum umrühren, weshalb das mit dem Zucker im Kaffee dann auch nicht so wurde wie geplant.

Corinnas Tag war also spätestens jetzt (nach Fahrdurcheinander und Löffelarmut) ziemlich im Eimer. Nur eine 9,0 in meiner Dressur hätte ihre Stimmung in spontane Hochebenen versetzen können... aber ich hatte ja noch endlos Zeit! Meine Startzeit war 10:34. die Profis hier haben nämlich 6 Minuten für jede Dressur eingeplant und noch 10 Minuten Pause eingeplant. Bei 26 Reitern kann sich dann so eine VA Dressur schon mal 2-3 Stunden hinziehen! Ja, eigentlich waren 41 genannt (Laut Zeiteinteilung) aber vermutlich war auch das strenge vorgehen des Abhakens schuld an der geringeren Teilnahme. Samstags zwischen 11 und 13 Uhr musste man anrufen. Wer das verpasste, hatte Pech. (Klar, gab ja hier auch keine Meldestelle!)

Irgendwann fand ich mich dann auf dem Abreiteplatz wieder. Jackomo verspannte sich wegen einem Traktor der unweit entfernt seine Bahnen zog. Aber schlimmer war seine unerklärliche Mauligkeit. Kopfschnicken, verwerfen im Genick, wehren gegen die Reiterhand... Hat er nen Wackelzahn, ist das Gebiss verdreht, die Verschnallung zu eng, was ist da los?

Ich konnte es nicht heraus finden, und so musst eich eben in die Prüfung einreiten. ja, schon in der Volte merkte man das Problem, durch mehrfaches wegrutschen in immer der selben ecke wurde es auch nicht harmonischer und naja... es war eben eher mässig. mein absoluter Höhepunkt war der Mittelgalopp, ich habe ihn gezeigt. das bedeutet mir schon sehr viel ;-)

Der Trab unmittelbar danach war eilig, aber wenigstens sind wir jetzt auch fertig. 5,7 war das urteil der Richterinnen. Ich darf mich nicht beklagen. Die Note ist das eine, aber das Protokoll ist spitzenklasse. Ausführlich, leserlich und - ich konnte in allen punkten absolut zustimmen! Toll! Die Schrittour hat den Richtern gut gefallen, die Anlehnungsprobleme und das verwerfen haben sie natürlich bemerkt, die Bahnfiguren richtig angelegt und der Mitteltrab laufend.

Es war realistisch aber es waren auch die Dinge aufgeführt, die gut waren.

Das wirkte trotz der 5,7 dann wieder sehr motivierend! Woher ich das Protokoll hatte? Ja- von der Meldestelle! Jetzt staunt ihr ;o)

Nach der Dressur sind wir gleich weiter gefahren zu dem Geländeplatz (ihr erinnert euch, die 2. Adresse...) hier gab es ca 32 Sanitäter 18 Männer der freiwilligen Feuerwehr, und - in einem Pferdehänger die Meldestelle!!!

So, jetzt kommt der interessante Teil. Ich gehe den Parcour ab!

Hindernis 1: oh nett, sehr einladend, Birke, etwas ausgesteckt, hübsch!

Nummer 2: ui, ein Leiterwagen, das ist schon nen größerer Sprung. Aber wir sind auch hier in einer VA! Da ist das eben so!

Sprung 3: wie bitte? HIER runter? und dann? Ohjemine! Ein Abhang, Oberfläche: schlammmatschglibberrutsch! Dann ca 30 cm waagerechte und der Absprung, vielleicht einen Meter. Oder 1,20. Bin schlecht im schätzen. Na gut. Wenn ich das im Schritt anreite dann muss es ja gehen. ist Jackomo erstmal am Hang MUSS er runter - die Schwerkraft verlangt es *g*

zu Sprung 4 müssen wir erstmal stapfen. Bergauf. (Herr Wolf: können wir neben dem Wassergraben einen Berg bauen? Für unsere Flachlandtiroler?! :-)

Angekommen Erleichterung: ein Symphatisches Sprüngchen, etwas guckig mit kleinen Bäumchen, aber nett und überschaubar!

Danach der nächste Hammer: 5, überbauter Graben! Der Graben war riesig und begann nen halben schritt vor der Überbauung. Aber er hat kein Wasser. Kann also sein das Jackomo ihn gar nicht als Graben wahrnimmt.

Weiter zu 6: ein ordentlicher Kasten, danach direkt "Graben mit Hecke" - die Nummer 7. Glücklicherweise hier mehr Hecke als Graben und somit denke ich, kein Problem!

aber jetzt. 8a-b! b ist ein schöner Heller runder Stamm. Aber a?!?!? Ein Graben. Ein offener Graben. Mindestens einen Meter tief und noch viel breiter. Jackomo denkt ja, da hat jemand sein Grab ausgehoben! ich glaube nicht, das er das springt!

Entmutigt gehe ich weiter zu 9a-b! Billard Aufsprung, und auf dem Billards ein Baumstamm, eigentlich ein In-Out, nur mit guten 90cm Höhenunterschied! (Ich möchte kurz erinnern: wir sind immer noch in einer A-Geländeprüfung!)

Sprung 10 ist auch nur 2 Galoppsprünge entfernt (oder war es nur einer? Ich erinnere mich nicht genau) auf jeden Fall eine Schanze, vom Billiard runter.

11: Links rum über eine Art Birken-Steilsprung, dann 12a-b ein Coffin. Einsprung in die Kombination ein kleiner Wall, Aussprung ein kleiner Graben.

13: die symphatische Nr. 4 Rückwärts und jetzt kommt die 14: ein Aufsprung auf die Schräge, Quasi die Nr. 3 Bergauf. Ich bekomm Gänsehaut, vor meinem Inneren Auge sehe ich Jackomo aufkommen, strampeln, strudeln, er bekommt kein Halt auf dem glitschigen Boden und wir fallen Rücken voran in die Tiefe *schluck*... aber tapfer gehe ich weiter ab.

15: ein etwas schmaler aber angemessener Wurzelholzsprung, dann weiter zu dem bunt beblumten 16er, über eine fast langweilige Mauer und die Endstrecke: 18: Wassereinsprung, 19: Wasseraussprung, kurze Distanz, ein so genannter Steg. Aber de Steg hatte Ausmaße als wollten Luxusjachten daran parken, nicht für Schlauchboote geeignet. Was ein Klotz da noch mal ans Ende gestellt wird, an dem die Pferde erschöpft sind von dem Run, nachdem sie aus dem Wasser raus gesprungen sind und die Distanz extrem unterschiedlich ist. nachdem sie im Wasser waren und demnach alles etwas rutschiger ist, der Absprung schon mal mit einem Wegrutscher verbunden sein kann. Mein Lieber Scholli! Das kann ja was werden!

Aber erstmal bunte Stangen! Mit meinem Ergebnis aus der Dressur startete ich als 19. in das Springen. Och wie süß!!! Im Gelände bauen sie für Olympia, und der Parcour ist total niedlich. Wir kommen trotzdem (natürlich) nicht ohne Fehler durch. Aber alles in allem ganz gut, wir schaffen uns hoch auf Rang 11 für das Gelände!

Jackomo wird in aller Ruhe noch einmal abgeritten (nachdem er die Pause wahrhaftig luxuriös versorgt wurde: während er graste wusch ich ihn ab mit einem nassen Handtuch, fütterte ihm Hafer und wir ließen ihn im Schatten mit dem Eimer plantschen) Ich bin verwundert das doch so wenige ausscheiden, jedoch muss ich fest stellen das die Endpassage tatsächlich mit vielen unschönen Szenen gespickt ist. Die Pferd hieven sich aus dem Wasser, die Reiter vom Absprung her noch mit langem Zügel, versuchen Druck und Tempo zu machen für den letzten, die Pferde springen groß ab und es rumpelt, da der Steg eben doch sehr breit ist, oft vor der Landung. Aber sie schaffen es alle.

Wir sind dran. 5,-4,-3,-2,-1 GO! Aus dem Stand angaloppieren, Rhythmus finden, Jackomo findet seinen Gang! Zack über das erste, das zweite Hindernis, jetzt schon ans durchparieren denken. Da Herz klopf. Der Abgrund naht. Brrr, ganz ruhig, konzentrier Dich, im Schritt! Die Zuschauer drücken die Daumen, an diesem Hindernis hat sich eine Traube versammelt. Jackomo tritt auf die Schräge, eigentlich will er nicht mehr, aber es gibt kein zurück. Er springt ab, wir landen, was ein Glück! Jetzt startet er durch, der Anstieg kommt, brr, nicht so verausgaben mein Guter! Aber er will da hoch sprinten. Ich bekomme ihn nicht ruhiger. Sprung 4 - etwas irritiert, aber er springt. Jetzt das 2. große Hindernis: der Graben. Aber Jackomo geht wie eine Maschine. Ausgerichtet auf den Sprung, schnurrt er darauf zu, fußt ab, springt ohne zu zucken. Durch Licht und schatten weiter zum Pfungstädter-Biertisch. Wir kommen etwas eng, verlieren Schwung, berühren aber nix, direkt im Anschluss die Hecke, wunderbar. Geniesse den Moment, jetzt kommt 8a, das "Grab"! Zügel Kürzer, An die Hand ran treiben, und um die Ecke: reinsetzten, Bein! Ich seh Corinna, ich seh den Graben, Jackomo springt, der Stamm wir sind drüber! JUHU! Ein Jauchzer entkommt mir und legt sich auf das Publikum. Ich ringe mit mir und meiner Konzentration, kann kaum meinen Ritt fortsetzen. jetzt das Billiard, meine Zügel sind zu lang geworden, los Jackomo: Jackomo springt, Aufgekommen, abgesprungen, drüber und jetzt runter, auf die Birke zu. Ich kann es noch immer nicht glauben das wir über diesen Graben gekommen sind. Ich strahle, doch was ist jetzt? Jackomo verliert an Spannung, Rhytmus und Anzug gehen verloren. Nur mit Gerteneinsatz schaffen wir es über die Birke. Zu kurz die Zeit bis zum Coffin, ich bekomme keinen neuen Gang rein, das bremsen lässt sich nicht mehr aufhalten, und Jackomo steht vor dem kleinen Coffin-Einsprung. Bin ich enttäuscht? Nein, irgendwie nicht. "Jackomo, hier stehst Du jetzt?" Frag ich laut. Keiner antwortet. Ich drehe ab, reite noch einmal aus dem Trab an. Nein. Er will nicht. Jetzt hat er auch das böse schwarze Grabenloch, vom Aussprung gesehen. 1000 Gedanken in meinem Kopf. Ist er müde? Tut ihm was weh? JUHU wir sind über 8a gekommen. Soll ich die Hand heben? Will ICH überhaupt zu Sprung 14? ich drehe noch eine halbherzige Runde, aber Jackomo will nicht mehr. Ist OK. Wir steigen hier aus. Ich bin stolz auf Dich mein Bub!

Corinna scheint enttäuschter als ich. "Ich dachte: und jetzt läuft er heim!" - vielleicht hat Jackomo sich durch das Coffin an die ähnlichen Hindernisse in Büdingen erinnert. Dort hat er sich leicht verletzt. Ich freute mich noch den Rest des Tages über die - wie ich finde - hervorragende Leistung von Jackomo, von Sprung 1 bis 11.

Erst am nächsten Tag find ich etwas an mich darüber zu ärgern das ich mich nicht wieder konzentrieren konnte und so "luschi" geritten bin. Wir hätten noch platziert werden können!

Naja, wer weiss wofür es gut war. Vielleicht hätte es auch ein Unglück gegeben, Jackomo ist nicht so beweglich wie die meisten Geländepferde. Nächstes mal wird's sicher noch besser!

Fazit: In Wiesbaden Kloppenheim ist es wie im Norden: die Leute haben Zeit wie auf der Strandpromenade, die Hindernisse sind anspruchsvoll wie in Luhmühlen, die Beschilderung nur von der Meerseite zu erkennen, aber alle lächeln und irgendwie, klappt auch am Ende alles!



Eure Momo